Das Leitwort
Da ist mehr: Zukunft und Hoffnung für unsere Zeit
Unsere Welt scheint kaum noch Sicherheiten zu bieten: große Umbrüche im Sozial- und Krankenhaussystem, weiterhin Unsicherheiten in der wirtschaftlichen Entwicklung, Unsicherheiten über KI-Zukunft und mehr als bedrängend die Friedensfrage und die Klimaveränderungen. In noch existentieller Situation war das Volk Israel im 7. Jhd vor Christus. Aus seiner Heimat Jerusalem vertrieben wartete es in Babylon auf die Möglichkeit der Rückkehr. In diese Exil-Situation hinein spricht der Prophet Jeremias die Worte Gottes: „Ich gebe Zukunft und Hoffnung“. Die Hoffnung gilt also nicht dem schnellen Glück, sondern der Gewissheit, dass Gott einen guten Weg vor Augen hat, auch wenn er länger dauert. Diese Aussage verspricht keine Abkürzung, sondern eine Richtung: Am Ende steht Hoffnung.
Die Zukunft gestalten
Eine solche Zusage können wir auch auf uns übertragen; Hoffnung ist mehr als Optimismus. Sie bedeutet, dort nach einem neuen Weg zu suchen, wo Gegenwart bedrückend, unsicher oder zerbrechlich erscheint. Hoffnung richtet den Blick nach vorn und macht so Mut, die Zukunft mitzugestalten.
Vor diesem Hintergrund gewinnen unsere Erfahrungen und unsere Suche nach Hoffnungen und einer Zukunftsperspektive in unseren Situationen eine veränderte Möglichkeit des Sehens und Handelns. Dies soll bei der kommenden Heiligtumsfahrt mit diesem biblischen Wort „Ich gebe Zukunft und Hoffnung“ vertieft werden.
Die Aachener Heiligtumsfahrt führt Menschen seit Jahrhunderten zu den vier Heiligtümern des Aachener Doms, die seit der Zeit Karl des Großen verehrt werden. Sie verbindet Geschichte und Gegenwart, persönliche Frömmigkeit und gemeinschaftliches Erleben, Zweifel und Glauben. Im Kern setzt sie sich auch mit den gegenwärtigen Fragen auseinander: Was gibt uns Hoffnung – und worauf können wir unsere Zukunft bauen?
Das Leitwort „Ich gebe Zukunft und Hoffnung“ nimmt diese biblische Zusage als Stärkung auf. Dies wird auch konkretisiert in dem Motto des Heiligtumsfahrt: „Da ist mehr.“
Hinter den Tüchern der Reliquien ist mehr. Sie sind keine magischen Gegenstände, die nur den Blick in die Vergangenheit fesseln. Sie erzählen von Jesus Christus, von seinem Leben, seiner Nähe zu den Menschen, von Maria, seiner Mutter und einem seiner Jünger, dem Täufer Johannes. Dies zu entdecken, schafft Mehr-Wert.
Wenn ich mich selbst neu orientiere, meine Stärken und Charismen wieder stärker in den Blick nehme, entdecke ich auch in mir mehr.
In der Begegnung mit anderen kann ein neues verändertes Interesse erweckt werden, wenn ich gewiss bin, dass da mehr ist, als ich bisher kannte. Es ist mehr als das, was uns voneinander trennt.
Da ist mehr möglich
Wenn ich mich in Fragen der Veränderung, des Protestes, des Gemeinsinns mit mehreren verbinde, dann spüre ich, dass da mehr möglich ist. Denn wenn ich mir unsere Welt anschaue mit neuen Augen, mit den Augen der Hoffnung, kann ich sehen, dass es Unbekanntes gibt. Es ist mehr als das, was ich auf den ersten Blick sehe: Mehr als Krisen, Sorgen und Grenzen.
Die Heiligtümer verweisen auf diese Dimensionen. Die Heiligtumsfahrt lädt dazu ein, sich auf die Suche nach dem Mehr zu machen. Nach dem, was trägt. Nach Menschen, die Hoffnung schenken. Nach Momenten, in denen Gemeinschaft entsteht. Nach Gott, der Zukunft eröffnet. Und vielleicht auch nach der eigenen Antwort auf die Frage: Was erhoffe ich mir für mein Leben, für unsere Gesellschaft, für die Kirche und für die Zukunft dieser Welt?
Ein Weg der Hoffnung
So wird die Heiligtumsfahrt zu mehr als einem großen kirchlichen Ereignis. Sie wird zu einem Weg der Hoffnung: Wir schauen auf das, was war, leben aufmerksam in der Gegenwart und wagen den Blick nach vorn. Denn da ist mehr – mehr Hoffnung, mehr Leben, mehr Hoffnung, mehr Zukunft.
Im Glauben liegt die Verheißung, dass das Leben eine tiefere Dimension hat – dass Gott gegenwärtig ist, dass aus Begegnung Gemeinschaft wachsen kann und dass auch in unseren schwierigen Zeiten ein neuer Anfang möglich ist.
(Dompropst Rolf-Peter Cremer, Wallfahrtsleiter)

© Domkapitel Aachen / Andreas Steindl
Dompropst Rolf-Peter Cremer