Keinesfalls eine Premiere

Heilgtumsfahrt 1937, 12. Juli (c) Domarchiv - Strick

Die Aachener Heiligtumsfahrt wurde um zwei Jahre verschoben – der Vorgang ist ungewöhnlich, aber nicht die einzige historisch belegbare Abweichung 

Aachen. In der Geschichte der Stadt Aachen ist die Heiligtumsfahrt eine feste Institution mit jahrhundertelangen Traditionen. Schon seit der Literatur des frühen 17. Jahrhunderts wird  davon ausgegangen, dass die Wallfahrt seit 1349 stets in einem siebenjährigen Rhythmus stattfand. Nun wird sie wegen der Coronapandemie um zwei Jahre verschoben. Diese Entscheidung wird zweifellos in die Annalen eingehen. Aber ist sie wirklich so außergewöhnlich? Oder gab es bereits früher Ereignisse, die die Heiligtumsfahrt durchkreuzt haben? Ein Blick ins Domarchiv hilft beim Versuch einer Rekonstruktion – ohne Anspruch auf Vollständigkeit...

Angefangen hat alles zur Zeit Karls des Großen. Die fränkischen Reichsannalen berichten, dass zur Einweihung der Pfalzkapelle im Jahr 799 ein bedeutender Reliquienschatz aus Jerusalem überbracht wurde. Dieser Schatz sowie auch andere Reliquien zogen zahlreiche Pilger an, vor allem zum Kirchweihfest am 17. Juli, das mit einem Ablass verbunden war. Die Heiligsprechung Karls im Jahr 1165 ließ die Pilgerzahlen steigen. Zwischen 1220 und 1239 entstand der Marienschrein, der die sogenannten „Großen Heiligtümer" aufnahm: Die Windeln und das Lendentuch Christi, das Marienkleid und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers. 

Mit dem Beginn der Gotik entwickelte sich bei vielen Gläubigen der Wunsch, nicht nur von der Existenz der Reliquien im Dom zu wissen, sondern Heiliges auch sehen und begreifen zu können. Infolgedessen bekam der Marienschrein 1349 eine Öffnung, durch die die Heiligtümer herausgenommen werden konnten. Das Jahr 1349 war auch sonst ein besonderes. Im Rheinland erreichte die Pest, die ein Jahr zuvor auf Europa übergegriffen hatte, ihren Höhepunkt. Der Andrang der hilfesuchenden Pilger war so groß, dass der Rat der Stadt strenge Verordnungen erließ, um die Ausweitung der Seuche zu vermeiden. Nichtsdestotrotz gilt diese „Aachenfahrt" als die größte des Mittelalters und trug dazu bei, dass sechs Jahre später mit dem Bau der Chorhalle begonnen wurde. Am Ende dieser denkwürdigen Heiligtumsfahrt (25. Juli 1349) ließ sich Karl IV. zum Römischen König krönen. Seit jenem Jahr gilt der siebenjährige Rhythmus jeweils sieben Tage vor dem Kirchweihfest als gesetzt. 

Kleine Heiligtumsfahrt 1945 (c) Domarchiv

Im 14. Jahrhundert wurde die Zeigung der Heiligtümer von den Türmen des Doms zum Brauch. Die Pilgerströme nahmen immer mehr zu, sodass der Platz nicht mehr ausreichte: Von 1355 bis 1414 wurde die Chorhalle errichtet, um die Pilgermassen im Dom besser bewältigen zu können.

Im Laufe der Zeit unterbrachen Seuchen, Kriege oder Revolutionen die Tradition der Heiligtumsfahrt. So fiel Karl der Kühne 1475 ins Rheinland ein und machte mit seiner „rohen Soldatenschar" die Straßen unsicher. Unter diesen Umständen schien eine Durchführung der Feierlichkeiten unmöglich. Mitte Juni kam es jedoch zum Friedensschluss, und das Stiftskapitel nahm unverzüglich die Vorbereitungen für eine verspätete Wallfahrt auf. Diese fand nach dem Abzug der burgundischen Truppen im September am Fest der Mariä Geburt (8. September) statt. Zehn Tage später wurde Aachen von einem Erdbeben heimgesucht: Die Bevölkerung hielt dies für eine der Verschiebung geschuldete Strafe. 

Mit der Reformation ging die erste Blütezeit der Heiligtumsfahrt zu Ende. Die Pilgerzahlen sanken drastisch. Doch die Religionswirren vermochten nicht, das Ende der Heiligtumsfahrten mit der kritisierten Reliquienverehrung herbeizuführen. Obwohl 1587 ein protestantischer Magistrat in Aachen regierte, fand die Wallfahrt statt – womöglich auch aus wirtschaftlichen Gründen. Das Stiftskapitel musste lediglich täglich eine Liste der Gäste abliefern, die sich innerhalb der Stiftsimmunität aufhielten.

1606 unternahm Herzogin Antonetta von Jülich einen vergeblichen Versuch, mit 200 Bewaffneten in Aachen einzudringen. Aus Rachsucht ließ sie bei der Heiligtumsfahrt 1608 die nach Aachen ziehenden Pilger „so viel als möglich hindern". 

Im Jahr 1636 fiel die Heiligtumsfahrt ersatzlos aus. Aachen war von einem spanischen Heer besetzt. Außerdem kam es damals zum letzten schweren Pestausbruch in der Stadt. 

Auch 1692 beschloss das Stiftskapitel, wegen der „Unruhen des Krieges (Raubkrieg Ludwigs XIV. von Frankreich) und anderer Nöte" die Wallfahrt abzusagen. Dagegen protestierte der Magistrat. Nach Einschaltung von Papst und Nuntius wurde sie im September abgehalten. 

1797 stand Aachen unter französischer Besatzung. Zum Schutz vor den Franzosen waren die Reliquien nach Paderborn ausgelagert worden, die Heiligtumsfahrt fiel aus. Nachdem der Schatz am 23. Juli 1804 zurückgeführt worden war, öffnete man den Schrein und hielt eine erneute Heiligtumsfahrt ab. Erstmals fand eine Reliquienprozession statt. 

Heligtumsfahrt 1951, Turmzeigung (c) Domarchiv

Das 20. Jahrhundert

Wegen des Ersten Weltkriegs und der erneuten Auslagerung der Reliquien nach Paderborn fiel erst wieder 1916 eine Heiligtumsfahrt aus. Auch 1923 fand wegen der Ruhrkämpfe und der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage keine Zeigung statt. Dafür kam es im Juli 1925 anlässlich der 1000-Jahrfeier der Zugehörigkeit der Rheinlande zum Reich zu einer außerplanmäßigen Heiligtumsfahrt. Bereits fünf Jahre später, im Juli 1930, wurden die Heiligtümer erneut gezeigt – und damit war man wieder im ursprünglichen Rhythmus. 

Bis heute legendär ist die sogenannte „Wallfahrt des stummen Protest" im Juli 1937. Mehr als 800.000 Pilger bekundeten ihren Unmut gegenüber dem nationalsozialistischen Regime. Die Aachener Stadtverwaltung beteiligte sich nicht an der Aachenfahrt. Auch die traditionelle Wahrnehmung des Konkustodienrechtes blieb aus. Weihbischof Dr. Hermann Joseph Sträter notierte dazu: „Wir haben eine Heiligtumsfahrt erlebt, von der die ältesten Bürger unserer Stadt sagen, dass keine der früheren jemals so eindrucksvoll und erhebend gewesen ist.“

Im Zweiten Weltkrieg gab es wieder eine Zwangspause. Mit einem Jahr Verspätung und nach Rückführung des Domschatzes fand im Juli 1945 eine „kleine" Heiligtumsfahrt mit Wiederverschließung der Heiligtümer im Marienschrein und unter Beachtung des alten Zeremoniells statt. 

Seit 1951 wurde der siebenjährige Turnus dann wieder kontinuierlich eingehalten. Bis jetzt. Wegen der Coronapandemie hat das Domkapitel eine Verlegung von 2021 auf 2023, also außerhalb des ursprünglichen Rhythmus, beschlossen. Termin für die übernächste Wallfahrt ist 2028 – wenn nicht wieder etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt...

(Sämtliche Angaben beruhen auf Zusammenstellungen von Josef Lambertz: Ausgefallene und verschobene Heiligtumsfahrten (Exp. Nr. 272/2021) sowie auf Akten des Domarchivs.)